Herr bin Laden, Sie regen sich ja gerade wieder über die Mohammed-Karikaturen auf. Ehrlich gesagt, ich gönne Ihnen ein Magengeschwür und die Bild-Zeitung an den Hals. Okay, das Letzte nehme ich zurück!
Ich finde die Mohammed-Karikaturen auch nicht besonders toll. Meiner Meinung nach sollte sich die durch die Karikaturen ausgedrückte Kritik gegen die Gewaltbereitschaft einiger Isalmisten, nicht aber gegen den Propheten Mohammed richten. Eine Karikatur gegen die Personen, die aufgrund ihrer Interpretation der Glaubensfrage Gewalt ausüben, wäre weniger ungeschickt gewesen.
Die drei fundamentalen Unterschiede zwischen dem Islam und dem Christentum (in Europa) sind, dass uns die Meinungsfreiheit “heilig” ist. Insbesondere die Satire darf bei uns alles. Satire verhöhnt auch den katholischen Papst.
Der zweite Unterschied ist, dass in unserer Kultur Gewalt kein Mittel ist, unterschiedliche Meinungen auszutauschen. In unserer Kultur wird auf Beleidigungen nicht mit Mord geantwortet – wenn man einmal von Ausnahmen krimineller Einzeltäter absieht. Diese Ausnahmen werden in unserer Kultur durchaus als “krank” angesehen. Jeder, der sich in unserer Kultur nur mit Gewalt wehren kann und nicht den Dialog sucht, isoliert sich gesellschaftlich.
Der dritte Unterschied ist der Fanatismus im Zusammenhang mit dem Glauben. Niemals würde ein Katholik oder ein Protestant einen anderen töten, nur weil er eine andere Meinung, einen anderen oder gar keinen Glauben hat. Zeiten, in denen unsere Kirchen mit Gewalt Glaubensfragen beantworteten, sind erfreulicherweise schon sehr lange vorbei.
Wir in unserer Kultur können nicht verstehen, wie man zur Verteidigung des Glaubens im 21. Jahrhundert Kriege führen kann. Wir tolerieren andere Glaubensrichtungen, andere Meinungen, aber wir verabscheuen Gewalt. Gewalt erzeugt Gegengewalt.
Vermutlich sind die meisten der Meinung, dass die Mohammed-Karikaturen nur den weltlichen Gesetzen nicht entgegenstehen. Fingerspitzengefühl und Feingefühl sind allerdings keine in Gesetzen festgeschriebenen Tugenden.
Die britische Zeitung “Daily Mirror” veröffentlichte eine Titelseite mit dem Foto des Papstes und der Überschrift “Gottes Rottweiler”. Darüber konnte selbst der Papst lachen. Die deutsche Satire-Zeitung Titanic provozierte wesentlich heftiger, aber auch darüber kann der Großteil zumindest schmunzeln, andere herzhaft lachen. Wegen keiner der beiden Bilder hat es Tote gegeben.
Dass der Papst unfehlbar ist, glaubt er wahrscheinlich nicht einmal selber. Der Islamist mag uns als “ungläubig” bezeichnen. Aber selbst “Ungläubige” verhalten sich überwiegend “christlich”, in dem sie beispielsweise nicht töten, Minderheiten tolerieren oder Frauen und Männer als gleichwertig erachten.
Käme der Prophet Mohamed plötzlich und unangemeldet zu Ihnen, würde er vielleicht selbst erstmalig ganz kurz gewalttätig. Er würde Ihnen wahrscheinlich eine schallende Ohrfeige verpassen und fragen, ob Sie den Verstand verloren oder noch nie besessen hätten. Er würde sehr traurig sein, dass die fanatischen Islamisten seine Lehre derart falsch auslegen. Wir, die “Ungläubigen” wissen, dass der Islam nicht unbedingt ein Synonym für Gewalt ist. Allerdings sind es Leute wie Sie, die den Islam erst in Verruf bringen. “Glauben” Sie eigentlich allen Ernstes, im Sinne Ihres Propheten zu handeln? Einmal abgesehen davon, dass Sie endlos nerven – erreichen Sie mit dem Terror gar nichts. Das Gegenteil ist der Fall.
Bildnachweis: Daily Mirror, Titanic